14.09.2005
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13. September 2005 Druckversion | Versenden | Leserbrief
WAHLKRAMPF
Keine Schweinereien bitte
Unter den zahllosen Netz-Angeboten, die im weitesten Sinne mit dem Wahlkampf zu tun haben, sticht eines hervor. Die Politik ist darin nur Mittel zum Zweck, in Wahrheit geht es um Schweine. Um bedrohte Nutztiere, um genau zu sein, die zufällig "Angie" oder "Gerhard" heißen.
DPA
Schweine Angie, Gerhard: Unbegrenzt zitierbar
Es ist nicht leicht, sich des Klischees zu enthalten. Wohl kein Tiername wird im Deutschen so oft und auf so vielfältige Arten verwurstet - pardon, schon ist's passiert - wie der des Schweins. Was Männer sind, weiß jeder, der ein Radio hat, was einer hat, der im Lotto gewinnt, auch, und der Liedermacher Peter Licht beschimpfte einst in einem Rundumschlag gegen höhere Mächte sogar die Sonne als "gelbe Sau". Das versteht jeder.
Die immense, gerade in Wahlkampfzeiten so nützlich-nutzbare Zitierbarkeit alles Säuischen hat auch Greenpeace für sich entdeckt, genauer gesagt, das Projekt Arche Warder, das von den Umweltschützern unterstützt wird. Die "Arche" setzt sich für den Erhalt bedrohter Nutz- und Haustierarten ein - und da wedelt auch schon der aktuelle Bezug fröhlich mit dem Schwanz.
Denn natürlich - Sie haben selbst gleich daran gedacht, geben Sie's zu - sind auch unsere permanent fernsehübertragenen Politiker irgendwie bedrohte Nutztiere (gehässige Anmerkungen über die tatsächliche Nützlichkeit von Spitzenpolitikern schenken wir uns an dieser Stelle, ebenso wie alle Schweinerei-Wortspiele). Der eine oder die andere, da gibt es jedenfalls kein Deuteln, wird ab kommenden Montag zwangsläufig auf die Lebensabend-Weide geschickt. Es können nicht alle gewinnen.
Schöne, saubere Schweinetugenden
Während der Verein Arche Warder nun auf 40 Hektar für 1200 bedrohte Tiere sorgt, soll sich der Wähler im Netz ganz gezielt um acht Ferkel einer Rasse mit dem schönen Namen "Buntes Bentheimer Schwein" kümmern. Zwei für die Union (sie heißen natürlich Edmund und Angie), zwei für die SPD (Münte und Gerhard), zwei für die Grünen (Renate und Joschka) und nur je eins für FDP (Guido) und Linkspartei (Oskar). Auf der Seite Schweinecamp.de kann man den Ferkeln beim Wachsen zusehen, ihnen per Klick ein Büschel Mohrrüben spendieren und sein Lieblingsferkel wählen.
Screenshot Schweinecamp: Vorsicht Klischee
Trotz aller negativen Konnotationen, die der Ansatz Politiker = Schwein zwangsläufig mit sich bringt, steht das Schweinecamp seinen Bewohnern dann aber doch eher wohlwollend gegenüber. Über die Bunten Bentheimer ist zum Beispiel zu erfahren, dass sie in den Dreißigern sehr beliebt waren, "da man ihnen ein besonderes Leistungsvermögen, gute Fruchtbarkeit und eine hohe Widerstandfähigkeit gegen Krankheiten nachsagte". Das sind schöne, saubere Schweinetugenden, die auch heute für einen jeden Berufspolitiker unabdingbar sind - man stelle sich vor, die Wahlkämpfer hätten ständig Schnupfen, oder der politische Nachwuchs bliebe aus.
Warum also sind die gefleckten Tiere heute bedroht und müssen mit Internet-Aktionen gepäppelt werden? Am Wähler, pardon, am Konsumenten liegt's: Schon Ende der Sechziger hätten die Mäster des Bunten Bentheimer Schweins "massive Absatzprobleme" bekommen, berichtet die Seite, "der starke Fettansatz der ansonsten frohwüchsigen und widerstandsfähigen Tiere machte sie aufgrund des stark veränderten Konsumentenverhaltens fast unverkäuflich."
Der starke Fettansatz stimmt bedenklich
"Fast unverkäuflich" - das ist bitter, schmeckt nach Politikverdrossenheit und riecht nach düsteren Aussichten für die Demokratie. Vom starken Fettansatz ganz zu schweigen.
ZUM THEMA IM INTERNET
Schweinecamp.de
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Doch es gibt Hoffnung: Mehr als 3000 Wähler/Schweinefans haben auf der Seite schon ihre Stimme für eins der Ferkel abgegeben (Gerhard führt, obwohl zum Beispiel Oskar auch niedlich ist, und Guido sehr süß die Ohren hängen lässt). Das Gästebuch quillt über vor Ferkel-Zuspruch, und die Live-Stallkamera ist permanent überlastet, weil jeder den acht Kandidaten beim Wahlk..., nein beim Wachsen zuschauen will. Für die Bunten Bentheimer gibt es also Hoffnung - als Rasse jedenfalls. Nicht zuletzt, weil die Tiere stressresistenter sein sollen als weniger coole Artgenossen. Ob Angie, Münte und die anderen persönlich womöglich irgendwann dem Schlachter vorgeführt werden, ist auf "Schweinecamp.de" nicht zu erfahren. Unklar ist, ob aus wahltaktischen oder aus Pietätsgründen.
Eines Tages jedoch werden sie in jedem Fall groß sein, den Stall verlassen und ihre gefleckte Haut draußen zu Markte tragen. Und die nächsten Ferkel werden einziehen. Ein Besucher der Seite formulierte es im Gästebuch so: "Die Schweine wechseln, der Saustall bleibt. In diesem Sinne, wählt mal schön."
Christian Stöcker
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ächsische
CDU-Bundestagsabgeordnete Henry Nitzsche befand: "Eher wird einem Moslem die
Hand abfaulen, als dass er bei der CDU sein Kreuz auf dem Wahlzettel macht".
Dennoch sind die Versuche einzelner CDU-Politiker, Deutschtürken in ihre Partei
zu locken bei türkischen Geschäftsleuten nicht ganz ohne Erfolg geblieben. Und
die SPD-Reformpolitik hat viele arme Deutschtürken desillusioniert und
abgeschreckt. Der Kreuzberger Kandidat Iyidirli weiß, daß in seinem Wahlkreis,
in dem jeder zweite türkische Zuwanderer arbeitslos ist, "Hartz IV extrem
unpopulär ist". Auch die Kölner SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün beklagt,
dass "unsere Sozialpolitik bei türkischen Migranten nicht gut angekommen ist."
Zudem ist Innenminister Otto Schily in der gesamten türkischen Communtiy überaus
unbeliebt. Ihm wird vorgeworfen, dass er die Einbürgerung nur geringfügig
erleichtert, aber das Erlangen der von vielen Türken angestrebten doppelten
Staatsbürgerschaft sehr erschwert habe.
So trat auch der Hamburger Politologie-Professor Hakki Keskin nach 30 Jahren aus
der SPD aus und kandidierte jetzt in Berlin mit dem sicheren Listenplatz vier
für die Linkspartei.PDS. "Die als Reformen getarnte Umverteilung von unten nach
oben", so der unter Türken sehr bekannte Keskin, "hat nicht nur mich von der SPD
entfremdet."
Die Sozialdemokraten können also nur noch darauf setzen, dass sie Deutschtürken
zähneknirschend als geringeres Übel wählen. Das weiß auch Seyran Ates, die
unlängst in die SPD eingetreten ist. "Für die Deutschtürken", so die Berliner
Anwältin, "gibt es keine Alternative zur SPD."